Joachim Schmid

Cyberspaces (2004)



Die Serie Cyberspaces entstand, nachdem ich bemerkt hatte, daß ich zuviel Zeit im Internet verbringe. Vor dem Computer sitzend stellte sich mir beim Aufenthalt im Virtuellen die Frage nach dem Authentischen. Ich beschloß, dieser Frage an einem konkreten Beispiel nachzugehen, und suchte Bilder von der Beschäftigung, die ich gerade ausübte: Sitzen. Um im Sitzen Bilder vom Sitzen zu machen, begab ich mich im Internet auf die Suche nach Menschen, die vor Computern sitzen. Das Thema meiner Arbeit habe ich also nicht mit den Augen oder dem Gehirn gefunden, sondern mit meinem Hintern.
Während ich vor dem Computer sitze, sitzen Millionen von Menschen rund um den Globus ebenfalls vor ihren Computern. Dieses massenhafte Sitzen ist eine Tätigkeit, die in der Vereinzelung ausgeübt und deswegen wenig gesehen wird. Preiswerte Technik und globale Vernetzung machen einen Teil der Sitzenden sichtbar. Eine kleine, über dem Monitor angebrachte Kamera liefert uns in bescheidener Qualität Bilder der Menschen, die sich vor dem Computer aufhalten. Die für Überwachungszwecke entwickelte Technik wird in Chatrooms genutzt und findet ihre kommerzielle Anwendung im Sexgeschäft.
Der Computer-Monitor wird zum Schaufenster eines globalen Bordells, die Kreditkarte öffnet die Tür. Kommuniziert wird wie in jedem anderen internationalen Geschäftszweig über die Tastatur in schlechtem Englisch. Anbieter und Abnehmer sind an keinen Ort gebunden, der Betrieb ist 24 Stunden am Tag geöffnet. Ich habe mich als Kunde registriert und meinen temporären Geschäftspartnerinnen meine Wünsche übermittelt. Meine Anweisungen waren einfach und leicht verständlich: aufstehen, rausgehen. Die Kreditkarte gibt Weisungsbefugnis – wer zahlt, bestimmt was vor der Kamera passiert. Die Kreditkarte ist eine Erweiterung der Kamera, sie dient als ihr digitaler Fernauslöser. Ich habe den Auslöser betätigt, sobald nur noch der unbelebte Raum zu sehen war.
Das Resultat sind Bilder verlassener Räume, in denen Sitzgelegenheiten stehen. Es gibt in diesen Bildern Indizien, die auf die Nutzung der abgebildeten Räume schließen lassen. Die Räume sind Teil der realen Welt, doch nur im Cyberspace sind sie zugänglich. Wir dürfen allerdings nicht vergessen, daß wir es auf dem Bildschirm nicht mit animierten Figuren, sondern mit lebenden Menschen zu tun haben. Auf den Stühlen, Sesseln und Sofas sitzen Frauen, die das tun, was ihre zahlenden Kunden zu sehen wünschen. Das ist gemeint, wenn von der neuen Dienstleistungsgesellschaft im Zeitalter der Globalisierung die Rede ist. Es geht hier um eine große Menge von Arbeitsplätzen in Ost-Europa und Süd-Ost-Asien. Hinter jeder Kamera steht eine Ich-AG. Die Geschäftsidee ist die Entsorgung von überflüssigem Sperma in den reicheren Ländern. Die Produktion von Bildern spielt dabei eine zentrale Rolle.
In meiner Variation dieser Bilder sehen wir die Bühne, auf der die Dienstleister ihre Haut zu Markte tragen. Die abgebildeten Kulissen und Requisiten haben erzählerisches Potential. Doch die Erzählung findet nicht in den Bildern statt. Die Bilder sind Auslöser und Projektionsflächen der Imagination. Ich habe beim Herstellen dieser Bilder eher beiläufig ziemlich viel über Prostitution gelernt. Dieses Wissen ist in den Bildern aufgehoben. Ich weiß allerdings nicht, wieviel von dem, was ich über Prostitution im Cyberspace weiß, aus den Bildern stammt. Ich weiß ebenfalls nicht, wieviel und was die Betrachter meinen Bilder entnehmen.
JS, Berlin, Oktober 2005

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Cyberspaces is a series of 36 Lambda prints (36 x 48 cm each on 50 x 60 cm paper, edition of 3).
The images were derived from footage of commercial online sexcams.

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